Ashtanga Yoga – Wie traditionell muss es sein? │ Yoga flow & grow
Viele meiner Schüler hatten zunächst Bedenken und Schwierigkeiten, sich auf das selbständige Üben im eigenen Atemrhythmus (Mysore Style) einzulassen.
Mysore style, led class, Ashtanga Yoga
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Ashtanga Yoga Tradition

03 Mai Ashtanga Yoga – Wie traditionell muss es sein?

03. Mai 2017

Ashtanga Yoga –
Wie traditionell muss es sein?

Eine persönliche Sicht auf die Traditionen des Ashtanga Yoga

Beginnen möchte ich gerne mit einem Zitat von Grischa, Kopf der Berliner Yogaschule Ashtanga Berlin Mitte: „Die Tradition ist für den Menschen da und nicht der Mensch für die Tradition“, sagte er, als ich dort gemeinsam mit meiner Yogafreundin Nina zumTy Landrum Workshop im März dieses Jahres war.
„Stimmt“, dachte ich, so selbstbewusst hatte ich die ganze Angelegenheit bis dato noch nicht betrachten können.

Andererseits war mir – sobald es um die berühmt-berüchtigte Traditionsdiskussion ging – stets ein Zitat eines Songtextes meiner Jugend im Kopf herumgeschwirrt. Dabei handelt es sich um einige Zeilen des Fanta 4 Titels „Hip Hop Musik“ (okay, für manche ist es gar kein Hip Hop, aber damit halten wir uns jetzt grad mal nicht auf!):

Respekt – ist unsre Aufgabe
und nicht ‚ne falsche Maske, die ich aufhabe
Du musst den Ursprung nur erkennen und dann halte ihn in Ehren
Doch jetzt wird‘s höchste Zeit, die Rap-Familie zu vermehren…

Da steckt für mich viel Wahres drinnen und lässt sich ebenso über Traditionen sagen. Beschäftige ich mich mit den Inhalten einer bestimmten Tradition, finde ich es schon wichtig, sie in ihrer Ursprünglichkeit zu erfahren und zu begreifen. Da „lauert“ nun leider schon eine nächste Schwierigkeit.

Gibt es die eine, wahre Tradition im Ashtanga Yoga?

Beziehen wir uns auf die Abläufe und das Alignment der Asanas der ersten Serie des Ashtanga Yogas: Alle direkten Schüler von Pattabhi Jois, dem Begründer des Ashtanga Yogas, haben viel Wissen über den Kontakt zu ihm und die Teilnahme an seinem Unterricht erfahren dürfen.

Darüber wiederum ließen sich natürlich Rückschlüsse über ein traditionelles Einnehmen der Asanas treffen und dann wiederum an Schüler weitervermitteln. Das Interessante und zugleich Verwirrende daran ist jedoch, dass die einzelnen Traditionen Unterschiede aufweisen.

Hat da etwa jemand etwas falsch verstanden?
Oder doch noch etwas Eigenes mit einfließen lassen?

Kann alles sein. Die Legende besagt aber auch, dass Pattabhi Jois nicht zu jeder Zeit dasselbe gelehrt hat, da seine Lehre sich seiner Entwicklung angepasst hat.

Jeder, der unterrichtet, weiß, dass dies wiederum ein ganz natürlicher Prozess ist. Wir forschen durch Beobachtung unserer Schüler, aber auch unserer eigenen Praxis, machen Entdeckungen und ändern – vielleicht auch nur temporär – den ein oder anderen Inhalt. Ich denke, dass das durchaus sinnvoll ist und möglich sein sollte.

Tradition und Praxis

Noch gestern hatte ich eine thematisch passende Situation im Unterricht. Eine liebe und sehr motivierte Schülerin, gesund und mit viel Energie, lernt zurzeit ein Asana (Bhujapidasana), das ihr Schwierigkeiten bereitet:„Das kann ich nicht. Meine Arme sind zu kurz! Aber ich glaube die danach könnte ich wieder besser. Wie gehen die denn noch mal genau?“.

Die Tradition besagt, lerne, ein Asana gut (voll) einnehmen zu können, dann erst beschäftige dich mit dem nächsten. Ich denke, jeder Lehrer/jede Lehrerin sollte individuell entscheiden, ob es sinnvoll ist, weiterzugehen oder der Schüler sich doch lieber zunächst so lange mit der unliebsamen Position beschäftigt, bis sie ihm keine Schwierigkeiten mehr bereitet. So zumindest sagt es die Traditon.

In diesem Fall war die Sache für mich klar: Wir hatten sehr lange (noch in dem anderen Kontext „Fitnessstudio“) Standpositionen geübt und dann eine relativ große Anzahl an Sitzpositionen in nicht allzu großem Zeitraum hinzugefügt. Die Marichis bereiten meiner Schülerin auch noch leichte Schwierigkeiten. So entschied ich mich, ihr nahezulegen, zunächst noch mehr Sicherheit beim Einnehmen der Marichis zu erlangen, dann in Ruhe das noch nicht funktionierende Asana zu lernen, um sich danach dann Schritt für Schritt mit den restlichen Asanas der ersten Serie zu beschäftigen.

Ein anderer Lehrer hätte vielleicht etwas Anderes gesagt; wir können nur versuchen, für unsere Schüler individuell sinnvolle Entscheidungen zu treffen.

Unzufriedenheit spiegelt sich im Gesicht meiner physisch sehr fitten und topmotivierten Schülerin wider. Was sie denn dann noch machen könne?
„Na, den Abschluss?“.

Ich merke, das kommt nicht gut an. So entscheide ich mich, ihr etwas anzubieten, was ich aus meiner eigenen Ashtanga Yoga Ausbildung kenne: „Wenn du möchtest, kannst du nach deinem letzten Asana und vor deinem Abschluss wieder mit den Standpositionen beginnen und so weit gehen, bis du dich danach fühlst, die Abschlusssequenz zu beginnen.“

Traditionell? Nee, ganz und gar nicht!
Sinnvoll? Eventuell.

Bleibt zu beobachten, wie sich dieser Vorschlag in der Umsetzung gestaltet und sich letztendlich auf den verschiedenen Ebenen des Seins auswirkt.

Nachtrag

Spannend finde ich, was Theresia im Gespräch ergänzend hinzufügte:

„Traditionen sind Traditionen, weil sich gewisse Vorgehensweisen etabliert haben. Traditionen sind überliefert, und gewiss hier und da erweitert, geändert oder angepasst worden.

Eine Tradition des Ashtanga Yogas lautet, dass erst weiter geübt wird, wenn das aktuelle Asana vom Schüler erlernt und beherrscht wird. Das ist insofern sinnvoll, da die Asanas aufeinander aufbauen und sich ein „nicht Können“ früher oder später zeigt und rächt.

Wie eng wir es mit den Yoga Traditionen sehen, bleibt aber am Ende unsere Entscheidung als Lehrer. Denn lassen wir unsere Schüler immer wieder nur bis zu diesem einen Asana üben, werden dem ein oder anderen eventuell Lust und Freude vergehen.

Auf der anderen Seite müssen wir unsere Schüler vor zu vielen Baustellen schützen und gesundheitsförderlich mit ihnen arbeiten. Darum sollten wir einen gesunden Mittelweg finden, die Schülern optimal zu fördern, zu fordern und vor Übereifer und dem damit einhergehenden gesundheitlichen Risiko zu schützen.

Zu guter Letzt hat Ashtanga Yoga auch etwas mit Demut, Hingabe und Vertrauen in das Yogasystem und den Lehrer, für den ich mich entschieden habe, zu tun.

Wie wir also mit Traditionen umgehen und inwieweit wir sie befolgen, hängt immer auch ganz stark von unserer eigenen Persönlichkeit und dem individuell verfolgten Zweck ab.“